Wohnen und Umfeld

Wie entsteht ein Naturgarten?

«Naturgärten sind Orte, wo Lebensgesetze der heimischen Natur sichtbar und miterlebbar werden», sagt Naturgartenexperte Peter Richard.Wie legt man ein solches Biotop an? Ein Gespräch.

Peter Richard, seit mehr als zwanzig Jahren sind Sie im Naturgartengeschäft und ein Pionier Ihres Fachs. Wie kamen Sie dazu?
Als Ende der Siebzigerjahre der Zeitgeist des Betons und Cotoneasters vorherrschte, suchte ich als Landschaftsgärtner nach Alternativen. Ich stiess auf die Naturgartenidee und begegnete Andreas Winkler, der damals einen kleinen Naturgartenbetrieb hatte. Wir waren ein ideales Team: Winkler befasste sich zu Beginn mit der eher philosophischen Seite des Naturgartens, während ich vor allem das gärtnerische Know-how einbrachte.

Nehmen wir an, jemand will einen Naturgarten anlegen und gelangt an Sie. Was passiert?
Wir klären ab, um was für ein Projekt es sich handelt:?Ist es ein alter Garten, handelt es sich um ein?Reihenhaus, gehören zur Familie auch Kinder? Anschliessend besuche ich die Leute und rede mit ihnen?über ihre Vorstellungen, Wünsche oder Träume. Ich schaue mir den Garten und die Umgebung an. Am Schluss des Gespräches sind meist zwei, drei Ideen auf dem Tisch. Damit ist das Projekt aber noch nicht umsetzungsreif? Nein. Wir machen eine genaue Bestandesaufnahme des Gartens. Erste Ideen für eine Umgestaltung entwickeln sich meist schon während des Ausmessens. Wenn nötig, besuche ich die Anlage und deren Umgebung mehrmals und prüfe, ob meine Vorstellungen stimmig sind. Das ist ein Prozess, der ein bis drei Monate dauert. Am Schluss präsentiere ich meine Ideenskizze samt Kostenvoranschlag, der je nach Grösse des Gartens und Ansprüchen sehr variiert.

Geduld ist also bereits in der Planungsphase gefragt?
Ich empfehle der Familie oder dem Paar, diese Zeit für die Besichtigung von bestehenden Naturgärten zu nutzen, damit sich ihre Vorstellungen konkretisieren können. Ein schöner, lebendiger Garten kann nur durch geduldige Entwicklung entstehen. Wer diese Zeit nicht aufbringen kann oder will, sollte keinen Naturgarten anlegen.

Kennen Ihre Kundinnen und Kunden die Wünsche, die sie an ihren Naturgarten haben?
Es gibt nur wenige, die genau wissen, welche Wildstauden oder Obstbäume sie pflanzen möchten. Oft ist es einfach die Sehnsucht nach einem warmen, geborgenen Platz, der Wunsch nach bestimmten Farben oder Spielmöglichkeiten für Kinder. Deshalb stelle ich bei Gesprächen viele Fragen. Je besser ich ihre Bedürfnisse kenne, desto genauer kann ich den Garten auf die Menschen abstimmen.

Königskerzen und Mohn sind zum Symbol von Naturgärten geworden. Haben in einem solchen Garten auch Rosen Platz?
Bei mir schon, sofern sie biologisch pflegbar sind. Auch Gemüsebeete können Teil eines Naturgartens sein. Und es müssen nicht partout alle Pflanzen im Garten einheimisch sein. Ich bin zur Einsicht gekommen, dass ich mit dem Erfüllen eines Kundenwunsches mehr erreiche, als wenn ich ganz stur und dogmatisch bliebe.

Und was halten Sie von einem Moorbeet mit Rhododendren und Azaleen?
Da mache ich ganz klar nicht mehr mit. Weder bejahe ich im Naturgarten exotische Pflanzen, die nur mit einem Riesenaufwand erhalten werden können, noch solche, die ohne Chemiepflege nicht auskommen. Azaleen brauchen ein Torfbeet.Torf wird aber in Hochmooren abgebaut, die dadurch zerstört werden.

Sind praktischer Nutzen und wilde Natur in einem Garten miteinander vereinbar?
Sicher. Der Garten muss so gestaltet sein, dass Nutzung und Natur möglich sein können. Ein Kiesplatz zum Beispiel ist befahr-und begehbar, und er ist gleichzeitig ein Trockenstandort. Trockenmauern stützen Böschungen und sind zugleich Lebensraum für spezialisierte Pflanzen- und Tierarten.

Nach der Planungszeit entsteht aus einem alten Garten ein neuer. Wie reagieren Ihre Auftraggeber darauf?
Zum Zeitpunkt der Ausführung müssen die Leute Abschied nehmen von ihrem alten Garten. Ich bin es gewohnt, sie behutsam darauf vorzubereiten. Die Vorstellung, dass der Bagger kommt und alles zerstört, ist für viele schrecklich. Die Gemütslage erhellt sich dann von Tag zu Tag, wenn der neue Lebensraum entsteht. Liebgewordene Blumen, Sträucher oder ein Baum, der zur Geburt eines Kindes gepflanzt wurde, versuche ich ins neue Konzept zu?integrieren.

Wieviel Pflege braucht ein Naturgarten?
Das hängt in erster Linie von den inneren Bildern der Gartenbesitzerinnen und Gartenbesitzer ab.Wer eine grosse Artenvielfalt erhalten will, wird öfter zum Jätdolch greifen müssen. Häufig biete ich eine Pflegebegleitung für das erste Gartenjahr an. Die Pflege im ersten Jahr ist entscheidend. Oft wird zu viel eingegriffen, und somit werden auch zu viele Pflanzen entfernt.

Können Sie einige Beispiele nennen?
Flächen mit Wildstauden muss man im ersten Jahr konventionell jäten, um die Artenvielfalt langfristig erhalten zu können. Hahnenfuss, Blacken, Winden und andere Wurzelunkräuter kommen raus. Sie konkurrenzieren die neuen Pflanzen zu stark. In den weiteren Jahren entscheiden die Gartenbesitzerinnen selbst, welche Arten sich wo und wie stark verbreiten sollen – «kreativ jäten» sagen wir dieser Arbeit.

Wie bringen Sie die Gartenbesitzerinnen und Gartenbesitze dazu, das sogenannte «Abräumen» im Winter zu lassen?
Ein überaus empfindliches Thema! Ich mache sie auf das Gratisvogelfutter, das Samenstände bieten, aufmerksam und zeige Bilder von Pflanzen, die, mit Rauhreif behangen, sich reizvoll präsentieren. Statt das Grüngut zu häckseln, empfehle ich, einen kreativen Asthaufen anzulegen.

Was leisten Naturgärten?
In erster Linie ist der Garten ein Lebensraum für Menschen, die darin wohnen. Naturerlebnisse im eigenen Garten und das Arbeiten mit der natürlichen Dynamik fördern das Verständnis für Naturzusammenhänge. Das führt hoffentlich dazu, dass Menschen, die einen Naturgarten bewohnen, für ihre Umwelt sensibler und sich dafür öffentlich engagieren werden.

Interview_Doris Guarisco, Bioterra

Peter Richard ist Inhaber eines Naturgarten-Fachbetriebes in Wängi TG. Information: «Lebendige Naturgärten», gebunden, 205 S., AT Verlag 2002, www.gartenland.ch

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